„…und jedem Anfang liegt ein Zauber inne…“

Von November zu November und 35 Jahre Theaterlust

Das Theater an der Angel gründete sich offiziell 1991 und stellte mit dem 31.12.2024 seine Geschäfte ein und somit seine künstlerische Tätigkeit.

Im Spätherbst 1989 waren, die damals jungen „Wilden“ des Puppentheaters Magdeburg versammelt. Fast noch heimlich, rotteten sich Thomas Riedel, Thomas Mette, Matthias Engel und Ines Lacroix zusammen und schmiedeten Pläne, wie sie, noch nicht ganz sattelfeste Künstler, der bröckelnden Zeit, dem Aufbruch als Künstler begegnen können. 

Während Lacroix und Mette gemeinsam im Kino die Grenzöffnung verpassten, Engel seine Kinder zu Hause hütete und Riedel auf irgendeiner Bühne liederlich unterwegs, vollzog sich am 9. November 1989 durch Schabowskis Worte „..nach meines Wissens, sofort…“, das Unvorstellbare. Im Schweinsgalopp verflogen die nächsten Monate. Ohne Fragen ob das richtig war, was sich da auf der politischen Bühne vollzog, wollten Lacroix, Engel, Riedel und Mette nur endlich echte freie Künstler sein. Während Riedel es in die Fernsehshows trieb, Mette mit seiner Frau Brüssel eroberte, sind zwei, die eigentlich wegwollten, hiergeblieben, in Ostdeutschland, in Magdeburg. Lacroix und Engel verliebten sich ineinander. 

Aus den zwei, damals zum Erhalt einer Wohnung geforderten Mietberechtigungsscheinen, machten sie einen. Unzertrennlich bespielten sie die Puppenbühne in der Warschauer Straße. Aber der Drang aus dem Materialtheater „echtes Menschentheater“ zu machen, wurde immer größer. Es wurde gedacht, geprobt, gespielt. In kurzer Zeit entstanden viele Inszenierungen, die meisten haben auch das Bühnenlicht erblickt:

„Tom Sawyer und Huckleberry Finn“
Ein Straßentheaterstück auf einer Fahrradbühne

„Nussknacker und Mausekönig“
Ein Wohnzimmerspiel zur Weihnacht

„A heit is‘ zünftig – ein Karl Valentin Abend“
Ein Schauspiel mit den normalen Mitteln des Theaters und verqueren Worten

„Das Kuhwirtshaus“
Ein Spiel aus einem Rucksack;

„Das Ende vom Anfang“
Ein Spiel zwischen alten Brettern;

„Der Bär und Der Heiratsantrag“
Weltliteratur mit recycelter Bühne;

„Die Schneekönigin“ Ein Spiel mit den Liedern der Dietrich

„Von dem Fischer un syner Frau“
Ein nah ans Wasser gebautes Theaterspiel mit allerlei Strandgut

Mit den eigens erschaffenen Kulissen, Requisiten ausgerüstet, zogen Lacroix und Engel, manchmal den guten Freund und Kollegen Mette im Schlepptau, von nun an um die Häuser. Sie wurden überall hin eingeladen, auf die Bauernhöfe der Umgebung, in die Kirchen und Küchen, Wohnzimmer, Gasthäuser; Straßen und Plätze und eroberten nach und nach kleine und größere Theaterhäuser, wurden zu Festivals, schließlich europaweit geladen.

Anfangs wurde nur gespielt, sorglos und gedankenlos um den Status. Das bemerkte natürlich bald das Finanzamt und tat die Forderung nach amtlicher Ordnung kund. Innerhalb einer Woche mussten Name und Verwaltungsstrukturen für das „Unternehmen“ erstellt werden. So kam es auch, eher aus Jux, zu dem Namen „Theater an der Angel“. Große Vorbilder gab es mit dem Theater am Ufer, Theater an der Wien, Theater an der Ruhr… 

Engel ist ja sprachlich ein angel (engl.) und das wollten die beiden Protagonisten, Zuschauer angeln. Und aus dem Wandertheater wurde bald eine feste Spielstätte mit sehr eigenwilligen Produktionen.

Begonnen hat alles mit einer großen Portion Liebe von Freunden und den Familien, die mit den Gründern täglich das Leben feierten ohne dabei zu weit nach vorn zu blicken, damit haben sie, dem grüblerischen Pessimismus allen Wind aus den Segeln genommen. Diese Party des Lebens, unter zu Hilfenahme des Theaters, war stets und ständig im Freudentaumel auf einem wankenden Schiff, hat viele Menschen mit an Bord genommen, Projekte mit Herz und Hirn und viel Freude entstehen lassen, die Zuschauer aus vielen Landesteilen und möglichen und unmöglichen Publikumsschichten den Weg ins Theater geebnet. Frei nach Shakespeare, war Ihre ganze Welt Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.

Beinahe eine Million Menschen durften es am Ende ungefähr gewesen sein, die Theater auf einer Fahrradbühne, mit Koffern auf alten Abstellgleisen, unter den Reifrock erblickend, zwischen dem Gebälk eines Dachbodens erlebend, schwitzend im Gewächshaus, in Wirtshäusern, Küchen und Kirchen spielend, im Geiergehege sich gruselnd, ein schwimmendes Sofa auf der Elbe bestaunend, schwankend in einem Bootshaus sitzend, im Elbvorland unter abenteuerlichen Zeltkonstruktionen erwartend, in Eisenbahnwaggons ausharrend, über einen Eisbären stolpernd, im Himmel der Engel das Glück suchend,  im Fussballstadion fiebernd, in der Tram trunkend, auf Bücherstapeln hockend, im Ballsaal tanzend, Requisiten in den Katakomben suchend, als Hase oder Igel verkleidet und vieles mehr erleben durften.

EPILOG

9. November 1989 

Der Niedergang der DDR ermöglichte das Wachsen und Gedeihen eines der erfolgreichsten Privattheater im Osten Deutschlands.

Ines und Matthi sind Kollegen am Puppentheater Magdeburg und gehen von nun an gemeinsame Wege.

9. November 1991 

Gründung des Theater an der Angel  Ines Lacroix und Matthias Engel

9. November 2001 

Der Architekt und Freund Axel Thomas Rüther erwirkt die Zulassung des Theaters an der Angel als freie Theaterspielstätte in der Zollstrasse 19

Im November 2024 

Der Entschluss  steht fest, dass die Angler nicht mehr das Theater an der Angel sind, die GbR beschließt die Auflösung zum 31.12.2024.

Seit 1. Januar 2025 

Anne und Frank Struve betreiben fortan das Insel Theater in der alten Villa

„Und irgendwann, das ist längst schon nach unserem Leben, werden es uns die Kinder gleich tun und die Kindeskinder ihrer Kinder stehen da, mit einem Schlüssel vom Haus und schließen die Tür. Ein Schauspiel nur, das immer wiederkehrt.“

…sind die letzten Worte aus dem zu Angelzeiten konzipierten Stück: „Ich packe meinen Koffer“. Worte, mit denen sich das Theater an der Angel verabschiedet von seinem hochwohllöblichen Publikum. Danke sagend mit einem weinendem und einem lachendem Auge. Es geht weiter in der Zuckschwerdtschen Villa! Mit Anne und Frank haben sich wieder zwei Verliebte gefunden, die der verrückten Idee ein freies Theater zu leiten, verfallen sind. Sie stehen nun da, mit dem Schlüssel vom Haus, Ihnen gilt unser bester Wunsch für Glück und Erfolg.

Bis zum Wiedersehen, irgendwann und irgendwo verabschieden sich herzlich Aki, Matthi und Ines.

Den Spielplan des Insel Theater finden Sie unter insel.theater

Die Projekte von Ines Lacroix finden Sie zukünftig auf der Webseite ineslacroix.de; zur Zeit erreichbar unter ines@ineslacroix.de

Die Produktionen von Matthias Engel auf engeltheater.de